Prof. Dr. Sven Reinecke

Direktor des Instituts für Marketing, Titularprofessor und Dozent für Betriebswirtschaftslehre der Universität St. Gallen (HSG) 

Der gebürtige Wolfsburger Sven Reinecke wuchs in Portugal und Deutschland auf und kam ursprünglich zum Studieren in die Schweiz. Als Direktor des Instituts für Marketing und Titularprofessor an der Universität St. Gallen (HSG) beschäftigt er sich insbesondere mit Fragen des strategischen Marketings, des Kundenbeziehungsmanagements, des „Return on Marketing“ und des Management-Entscheidungsverhaltens. Im Rahmen des von ihm geleiteten Exzellenzprogramms „Best Practice in Marketing“ arbeitet er eng mit führenden Unternehmen zusammen, u.a. UBS Switzerland, Swiss Life, B.Braun, Bühler, Continental, Hansgrohe, Covestro, Dräger, Miele. Nebenberuflich ist er im Verwaltungsrat der Olma Messen St. Gallen, im Stiftungsrat der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi und Verwaltungsratspräsident der MPM St. Gallen AG.

 

Herr Reinecke, Sie sind Dozent für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Marketing, an der Universität St. Gallen (HSG). Was hat Sie dazu verleitet, jungen Nachwuchstalenten Ihr Wissen weiterzugeben?

Für mich war und ist „Kundenorientierung“ immer der zentrale Fokus aller betriebswirtschaftlichen Tätigkeiten. Dies ist der realwirtschaftliche Zweck jedes Unternehmens, der „Mehrwert“ für das Gesamtsystem. Es macht Spass, junge Studierende für diese Frage zu begeistern – egal ob in der tangiblen oder der digitalen Welt.

 

Welchen Forschungsgebieten nehmen Sie sich genau an? Gibt es ein Gebiet, welches Sie besonders interessiert?

Letztlich geht in meiner Forschung immer um die Schnittstelle zwischen Top-Management und der Marketingfunktion, beispielsweise Fragen wie: Wie lässt sich der Mehrwert des Marketings belegen und steuern? Wie erzielen wir mit professionellem Marketing professionelles Wachstum? Wie lassen sich Best Practices im Marketing aus unterschiedlichen Branchen weiterentwickeln, um schneller als die Konkurrenz zu lernen? Für mich ist betriebswirtschaftliche Forschung zwingend anwendungsorientiert, die sich aber nicht mit einem interessanten Einzelfall zufriedengibt, sondern vielmehr Grundprinzipien erarbeiten sollte.

 

Neben vielen weiteren renommierten Instituten forscht die Universität St. Gallen auch im Bereich Customer Insights. Inwieweit und auf welcher Ebene arbeiten die beiden Institute in den korrelierenden Themenbereichen zusammen?

Die Forschungsfragen halten sich nicht an die künstlichen internen Institutsgrenzen einer Universität. Zwar sind die Institute für die sehr dezentrale, unternehmerische Kultur der HSG enorm wichtig, doch arbeiten die verschiedenen Institute intensiv, gerne und professional zusammen. Das Thema „Digitalisierung“ beschäftigt beispielsweise derzeit nicht nur das Marketing-, das Handels- und das Customer Insights-Institut, sondern die gesamte HSG.

 

Die Universität zählt zu den renommiertesten Wirtschafts-Universitäten Europas. Gerade das Institut für Marketing erfreut sich über ein hohes Ansehen. Welche Faktoren tragen Ihrer Meinung nach dazu bei?

Das „Geschäftsmodell“ der HSG unterscheidet sich stark von jenem klassischer staatlicher Universitäten. Beispielsweise finanziert sich unser Institut zu 80 Prozent aus Mitteln der Wirtschaft durch Angebote wie Weiterbildung, Konsortialprogramme und innovative Forschungsprojekte. Die Verknüpfung von Unternehmen, Alumni, Studierenden und Dozierenden in Lehre, Weiterbildung und Forschung führt immer wieder zu neuen Initiativen. Vielleicht ist es uns in den letzten Jahren auch gerade deshalb hervorragend gelungen, die HSG zu internationalisieren und auch in der Forschungslandschaft sehr gut zu positionieren.

 

Globalisierung, Individualisierung und auch Digitalisierung stellen starke Trends der letzten und der kommenden Jahre dar. Wie verändern diese Ihrer Meinung nach die Marketingbranche?

Globalisierung ist aus meiner Sicht für international tätige Unternehmen ohnehin ein Muss. Die grössten Auswirkungen wird das auf die Unternehmenskulturen haben – hier wächst der Globus zusammen. Das führt beispielsweise dazu, dass ein „eidgenössisches Diplom“ für eine Marketingausbildung künftig eine geringere Relevanz in der internationalen Community haben wird.

Gelegentlich stelle ich mir die Frage: Gibt es noch „analoges“ Marketing oder „nicht-digitale“ Marketingkampagnen? Wohl kaum. Fast alles im Marketing ist heute digital. Die Grundprinzipien des Marketings, also die Kunden- und Wettbewerbsorientierung, haben sich dadurch nicht geändert – wohl aber die Geschwindigkeit des Wandels von Technologie, Unternehmens- und Kundenverhalten. Die Digitalisierung hat nicht nur Auswirkungen auf die Marktleistung, sondern auf alle Potentiale der gesamten Wertschöpfungskette. Ich persönlich freue mich auf diese spannenden Herausforderungen. Aber der Mensch wird ein „soziales“ Tier bleiben: Face-to-Face-Kontakte und gegenseitiges Vertrauen werden auch in Zeiten der Artificial Intelligence einen herausgehobenen Stellenwert behalten.

 

Welche weiteren Trends erkennen Sie in der Marketingbranche und wie integrieren Sie diese in Ihrem Unterrichtsstoff?

Vor kurzem haben wir gerade eine tolle Marketingtrendstudie durchgeführt und diese ausschliesslich online veröffentlicht: www.marketing2017.ch
Aus meiner Sicht: Wertvoller Inhalt, viele Links und erläuternde Videos. Wir freuen uns über Ihr Feedback!

 

Wie sieht bei Ihnen ein «normaler» Arbeitstag aus? Gibt es diesen überhaupt?

Nein, den gibt es nicht. Aber es gibt Muster: Weiterbildungs-Tage, Projekttage, Forschungstage, Grossanlass-Vortragstage, Gremien- oder Sitzungs-Tage, Vorlesungs-Tage … Glücklicherweise ist der Mix so vielfältig, dass es immer spannend bleibt. Ich könnte mir kaum vorstellen, jeden Tag das Gleiche zu tun.

 

Wie managen Sie Ihre anspruchsvollen Positionen als Direktor des IfM, Titularprofessor, Dozent und Verwaltungsrat, so dass Ihre Freizeit nicht zu kurz kommt? Stichwort Work-Life-Balance.

Dadurch, dass ich einen Arbeitsweg von 2 min zu Fuss habe, habe ich im Alltag eine gewisse Flexibilität – ich wechsle manchmal mehrmals am Tag den Arbeitsplatz zwischen Büro und Homeoffice. Ich versuche, so oft wie möglich auch während der Woche gemeinsam mit meiner Frau und meinem Sohn zu Mittag oder zu Abend zu essen sowie Zeit miteinander zu verbringen. Als sportlicher Ausgleich dient mir insbesondere das Laufen: Mein Ziel ist es, möglichst jeden 2. Tag eine Stunde lang die Natur zu geniessen. Im Winter ist das oft schwierig, weil es in St. Gallen oft sehr glatt ist – und ich Laufbänder wirklich nur im Notfall benutze.

 

Wir von marketing.ch bedanken uns ganz herzlich bei Ihnen für ihre Zeit und das spannende Interview!

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