true fruits hat es schon wieder geschafft – einen Skandal ausgelöst. Ein „Shitstorm“ macht sich über das Bonner Unternehmen in den sozialen Medien breit, der Werberat schaltet sich ein und selbst Charlotte Roche – ihrerseits Autorin des Bestsellers „Feuchtgebiete“ – ruft zum Boykott der Smoothies auf. Wieso das alles? Zwei Werbeplakate für das neue Produkt „Sun Creamie“. Darauf waren ein Frauen- und ein Männerrücken zu sehen, auf denen ein mit scheinbar Sonnenmilch gemalter Penis zu sehen war. Inklusive dem Slogan: „Sommer, wann feierst du endlich dein Cumback?“

Vorweg: Ich kann und will nicht darüber urteilen, ob es realistisch ist, wenn Menschen durch einen gemalten Penis in der Werbung eine Retraumatisierung erleiden. Schließlich bin ich Marketing-Stratege und kein Psychologe – und dazu noch ein weißer, privilegierter und männlicher Markteting-Stratege, der in München lebt. Ein Urteil, wann und wie jemandem es zusteht, sich verletzt zu fühlen, steht mir nicht zu. Ich möchte weder den Moralapostel spielen, noch der Opa sein, für den sich die Enkelkinder schon prophylaktisch schämen müssen, wenn er seinen Satz beim Familientreffen mit „Man wird ja wohl noch sagen dürfen, …“ einleitet. Alles was ich mir wünsche, sind authentische, persönliche und echte Marken.

Lassen Sie uns deshalb über Inhalte sprechen: Was Marketing darf und warum ich der Meinung bin, dass true fruits deshalb nah an der Genialität ist, weil es eben auf Normen und Gesetzmäßigkeiten einen „Sch**ß“ gibt, wie es die drei Gründer selber formulieren würden.

true fruits provoziert – und bleibt im Kopf

Die drei jungen Gründer haben die Provokation als Marketing-Mittel nicht erfunden. Mal wird ein neuer Smoothie in einer schwarzen Glasflasche (true fruits ist glaube ich sogar der einzige Smoothie-Hersteller im Kühlregal bei Rewe, der auf Glas statt Plastik setzt – Thema Nachhaltigkeit) mit dem Slogan „Schafft es selten über die Grenze“ in den Markt eingeführt. Mal werden Chia-Smoothies als Samenspender vorgestellt. Kurzum: Es scheint fast so, als würde true fruits die größten Tabus förmlich suchen, um sie zu brechen. Das Ergebnis: Erfolg.

Denn während andere Konzerne Millionen in Hochglanz-Werbungen pumpen, benötigen die kreativen Köpfe bei true fruits einen Instagram-Post, um eine Welle der Erregung zu entfachen. Wir schreiben über true fruits, Leitmedien schreiben über true fruits. Selbst der Werberat beschäftigt sich mit einem 30-köpfigen Unternehmen aus Bonn, das Obst püriert und in Flaschen abfüllt.

Welcher Konkurrent kann das von sich behaupten? Und solche Wachstumsraten vorweisen? Apropos, wer sind überhaupt die Konkurrenten? Kennen Sie drei Smoothie-Anbieter auf die Schnelle? Ich nicht.

true fruits macht Fehler – und fasziniert mich deshalb

Kritiker sagen, dass diese Taktik zu kurzfristig gedacht ist und übersehen dabei eine Sache. Die Provokation ist lediglich der höchsteffektive – weil authentische – Weg, die eigentlichen Markenwerte zu präsentieren: Freiheit, Humor und frech sein.

Logisch, über Humor lässt sich streiten. Nicht aber, dass true fruits ein Glücksfall für die Branche ist. Wir fordern doch ständig neue Ansätze und Authentizität. Und wir wünschen uns doch Unternehmen, die den Mut haben aus dem Marketing-1mal1 auszubrechen, weil es uns selber langweilt, die immer wieder selben inhaltsleeren Phrasen von „Qualität“ und „Dynamik“ zu hören.

true fruits tut genau das und geht eben nicht mit den „nachhaltigen und gesunden Inhaltsstoffen von höchster Qualität“ hausieren – das machen genügend andere. true fruits verlässt die Komfortzone und schießt dabei auch mal über das Ziel hinaus. Das gehört zum Lernprozess dazu. Das ist aber weitaus besser als hochdekorierte Marketingabteilungen, die ständig mehr Angst davor haben, etwas falsch zu machen, als wirklich Lust darauf haben, Neues zu wagen.

Marketing darf nicht nur, sondern muss frei von Ängsten sein.

Marketing darf nicht nur, sondern soll humorvoll sein, wenn es zum Markenkern gehört.

Und Marketing muss auch anecken, wenn man sich authentisch positionieren will.

Deshalb liebes true fruits-Team, wünsche ich mir für die Zukunft folgendes: Vor dem nächsten Insta-Post eine Nacht länger drüber schlafen – aber niemals zu Spießern werden, denn das würde euch wirklich niemand abkaufen.

Autor: Hermann Wala

 

Hinterlassen Sie eine Antwort