Im März, als der Dax einen der schwärzesten Tage seiner mehr als 30-jährigen Geschichte erlebte, verkündete ich meinem Vater: “Ich eröffne jetzt ein Depot.” Lange hatte ich mich davor gedrückt, mich mit dem Thema Geldanlagen auseinanderzusetzen und mein Erspartes brav auf dem Konto geparkt. Doch wie besagt eine Börsenweisheit so schön: „Die großen Vermögen werden in der Krise gemacht”.

Bei allem Horror ist Corona eine Jahrhundert-Chance in puncto Aktien, lautet der Tenor der Experten. Die Frage ist allerdings, in was sollen wir jetzt investieren? In Aktien mit hoher Rendite, durch Unternehmen, die mit Waffen und Tabak große Geschäfte machen? Oder in eine bessere Zukunft, mit grünen Technologien und nachhaltigen Business-Modellen? Eins ist klar: Durch Covid-19 steht unsere Gesellschaft an einem historischen Wendepunkt. Doch wenn ihr nicht nur euren Geldbeutel, sondern auch die Welt retten wollt, müsst ihr euch mit euren Finanzen auseinandersetzen.

Ich würde gern als Vorbild vorangehen — mit einem grünen Portfolio

Ganz so einfach ist es wie immer nicht. Vor allem, wenn man als Anfängerin so wenig Ahnung hat wie ich und aus der Generation Greta Thunberg kommt, die die Welt besser machen will. Bei Weitem bin ich nicht perfekt, trenne meinen Müll leider noch immer nicht konsequent genug, erwische mich zu oft mit Plastikflaschen in der Hand. Trotzdem ist es mein Anspruch, jeden Tag besser zu werden, mich darüber zu informieren, wie es andere machen und selbst als gutes Beispiel voranzugehen. Diesmal mit einem grünen Portfolio. Doch dafür muss man erst die Basics verstehen.

„Wenn du keinen Weg findest, im Schlaf Geld zu verdienen, wirst du bis an dein Lebensende arbeiten müssen”, lautet eine Weisheit von Börsenlegende Warren Buffett. Will heißen: Wir müssen lernen, zu investieren, um gut vorzusorgen. Denn auf eine satte Rente können wir wohl kaum hoffen.

Auf der Bank passiert nichts — außer, dass Geld schleichend weniger wird

Leider legen trotzdem nur zwei Drittel der jungen Leute in Deutschland Geld zur Seite. Das ist das Ergebnis einer Online-Umfrage der digitalen Vermögensverwaltung „Visualvest“, an der mehr als 1.000 Frauen und Männer im Alter von 18 bis 27 Jahren teilgenommen haben. Noch viel alarmierender: 88 Prozent von ihnen setzen dabei auf Anlageformen, die keine oder nur eine sehr geringe Rendite abwerfen: Girokonto, Sparbuch, Tagesgeld und das gute, alte Sparschwein.

Doch wer sein Geld auf der Bank parkt, wird schnell merken: Damit passiert gar nichts, außer dass es schleichend weniger wird — der Niedrigzinspolitik sei Dank. Wer das nicht versteht, liest genau mit: Ihr leiht der Bank 100 Euro, und bekommt am Ende 98 raus. Ein ziemlich schlechter Deal!

Aya Jaff, 25: Junge Menschen müssen verstehen, wie die Börse tickt

Das begriff auch „Forbes 30 under 30“-Anwärterin Aya Jaff früh. Die Deutsch-Irakerin ist erst 25 Jahre alt und entwickelte das größte soziale Börsenplanspiel Tradity. Mit 16 legte sie ihr gesamtes Taschengeld an, um später ihren Führerschein damit zu bezahlen. „Es war für mich ein krasser Wow-Moment. Meine Freunde arbeiten dafür wirklich jedes Wochenende als Kellnerin oder Kellner. Ich habe das Geld für mich arbeiten lassen, nur weil ich einmal eine schlaue Entscheidung getroffen habe”, erzählt sie mir während unseres Interviews.

Am 9. Mai erscheint ihr neues Buch “Moneymaker: Wie du die Börse für dich entdecken kannst”. Jaffs Mission: Jungen Menschen zu zeigen, wie man investiert und wie wichtig es vor allem ist, zu verstehen, wie die Börse tickt. Nicht nur, damit wir im Alter hoffentlich ruhig schlafen können, sondern um zu wissen, welchen Einfluss man als Einzelperson tatsächlich auf eine bessere Zukunft und unsere Umwelt nehmen kann.

Beate Sander, 82: Ein erster Schritt ist ein Börsenführerschein

Dass es nie zu spät ist, sich damit auseinanderzusetzen, weiß eine besondere Frau sehr genau: Beate Sander, 82, auch bekannt als „Börsen-Oma”. Mit 60 Jahren und 30.000 Euro Startkapital arbeite sie sich nach ihrer Pensionierung zur zweifachen Self-Made-Millionärin hoch. Sie empfahl mir, zunächst einen Börsenführerschein zu machen, den es kostenlos im Internet gibt.

Andere Portale, auf denen ich mich informiert habe, sind Blogs wie Madame MoneyPenny von Natascha Wegelin, der Frauen Wege in die finanzielle Unabhängigkeit zeigt und gleichzeitig hilft, das Börsen-Einmaleins zu verstehen. Ansonsten: Newsletter abonnieren, Nachrichten lesen, dranbleiben. Ein bisschen, wie eine neue Sprache lernen. Wer nicht übt, kann nicht mitreden. Doch genau das ist meistens unser Problem.

Kann man an der Börse mit guten Absichten Erfolg haben?

Wir regen uns über den Kapitalismus auf! Wir regen uns über Großkonzerne auf! Wir denken, wenn wir da nicht mitmachen, tun wir der Welt Gutes. Leider völliger Quatsch. Ohne mich als Expertin aufspielen zu wollen, bezweifle ich, dass sich unsere Gesellschaft jemals um 180 Grad drehen wird. “Kapitalismus ist unfair, er ist nicht auf das angelegt, dass alle das Beste bekommen, es ist super korrupt, und es gibt so viele Gründe, warum du Hass auf die Wall Street haben kannst”, sagt auch Aya Jaff.

Aber: „Wenn du nicht mal weißt, wie die Wall Street genau funktioniert, wie Aktienkurse mit News zusammenhängen oder was du wirklich heute unter einem Investor verstehen sollst, dann wirst du die Welt niemals wirklich durchschauen können.” Nachdem ich anfing, mich selbst damit auseinander zu setzen, kann ich Jaff darin nur bestätigten. Doch ist es an der Börse wirklich so einfach, allein mit guten Absichten auch Gutes zu tun?

Der Dax 50 ESG ist nichts für Naturfreunde

Selbst die konservativsten Geldmanager scheinen erkannt zu haben, dass sich ihre Welt gerade fundamental verändert. Sehr bald schon wird es nicht mehr reichen, so wie früher auf Firmen zu schauen, auf Märkte, auf ganze Klassen von Wertpapieren. Regulierungsbehörden, Notenbanken und eine stark wachsenden Nachfrage durch Investoren scheinen dazu zu führen, dass Nachhaltigkeit am Kapitalmarkt immer wichtiger wird.

Ein Ergebnis dieser Trendwende ist der Dax 50 ESG. Der Index enthält nicht 30 Aktien wie der herkömmliche Dax, sondern 50 Titel aus Dax, MDax und TecDax. Neben dem Marktwert und dem Handelsumsatz der Aktien werden Firmen danach sortiert, wie nachhaltig sie wirtschaften. Doch wie immer steckt der Teufel im Detail.

Erst beim genauen Hinschauen realisierte ich: Der Index ist sicher nichts für Naturfreunde.

Mit dabei: Autokonzerne wie Daimler und BMW, ebenso die Lufthansa oder der Chemie- und Pharmakonzern Bayer, der vor allem durch die Übernahme des Saatgutkonzerns Monsanto und dessen umstrittenen Unkrautvernichter Glyphosat in der Kritik steht. Letzteres ist in der aktuellen Rangfolge sogar der am schwersten gewichtete Einzelwert in dem Index. Nur offensichtliche Kandidaten wie RWE (Kohlekraftwerke), Wirecard (Compliance-Probleme) oder MTU (Waffen) bleiben draußen.

Gebt nicht gleich auf — ihr könnt etwas bewirken

Worauf es bei den Ratings ankommt, ist schwer nachzuvollziehen. Denn wie im realen Leben stellt sich die Frage: Was ist die Definition von Nachhaltigkeit? Vegetarierin sein, Veganerin sein, aufs Auto verzichten? Oder soll man es vielleicht lieber gleich lassen mit der Nachhaltigkeit — man weiß ja sowieso nicht, wo man anfangen soll?

Letzteres wäre wohl das Fatalste. „Natürlich hat ein Vorstandsvorsitzender eine größere Marktmacht als ein Student, der monatlich 50 Euro in seinen Sparplan steckt”, sagt die 82-jährige Beate Sander. „Aber viele zusammen bewirken auch viel”. Egal ob in der Politik, bei der Ernährung — oder eben an der Börse.

Was mir in den letzten Wochen klar geworden ist: Wenn wir Aktien kaufen, nutzen wir das System für uns, statt es zu kritisieren und tragen dazu bei, Unternehmen in die richtige Richtung zu treiben. Unser Geld ist Eigenkapital für Firmen, die es wiederum in umweltfreundliche Infrastruktur, Bewässerungssysteme, Windkraft oder Ernährung stecken können. Wer nur schimpft, bewegt nichts.

Der Artikel wurde auf Business Insider Deutschland veröffentlicht.

Quelle
xing.com

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